Frauen in Abendmahlstracht auf dem Weg zur Kirche - Aquarell

Vom Rotterdamer Hafen ins 
Marburger Land: 
Der künstlerische Weg der 
Leny Schellenberg de Kreij

 

Die Jahre der Ausbildung (Rotterdam, frühe 1960er) 

Leny Schellenberg de Kreij absolvierte ihre künstlerische Grundausbildung an der Academie van Beeldende Kunsten en Technische Wetenschappen in einer Zeit des Übergangs. Die Akademie im Gebäude am G.J. de Jonghweg war damals noch geprägt von einer strengen, handwerklichen Disziplin, die für ihr späteres Werk von entscheidender Bedeutung sein sollte.

Unter dem Einfluss von Dozenten wie Margo Willeboordse (Mode und Textil) und den strengen Zeichenlehrern der „Rotterdamer Schule“ (wie Jan Jongert oder Philip Kouwen) lernte sie nicht nur das bloße Abbilden, sondern das konstruktive Verstehen von Formen und Materialien.

  • Der Blick für das Textile: In den Klassen von Willeboordse wurde der Grundstein für das Verständnis von Faltenwurf, Stoffbeschaffenheit und der Anatomie des bekleideten Körpers gelegt. Modezeichnung war damals kein flüchtiger Entwurf, sondern eine präzise Studie.
  • Handwerkliche Strenge: Die Akademie der Ära Basart vermittelte, dass künstlerische Freiheit nur auf technischer Perfektion fußen kann. Das genaue Beobachten – eine Tugend des Rotterdamer Realismus – wurde hier zur zweiten Natur.

Das Lebenswerk: Die Trachten des Marburger Landes (ab Ende der 70er)

Als Leny Schellenberg de Kreij in den späten 1970er Jahren begann, die Trachten des Marburger Landes malerisch festzuhalten, wendete sie die in Rotterdam erlernten Fähigkeiten auf ein neues, kulturell tief verwurzeltes Sujet an.

  • Dokumentation statt Folklorismus: Ihre Ausbildung ermöglichte es ihr, die Trachten nicht nur als bunte Folklore, sondern als komplexe textile Konstruktionen zu erfassen. Die Schwere der Stoffe, die Feinheit der Stickereien und die Würde der Trägerinnen wurden mit jener Ernsthaftigkeit und Präzision gemalt, die für die Rotterdamer Schule typisch war.
  • Die Verbindung der Welten: Es ist eine faszinierende Parallele, dass sie das Rüstzeug der modernen, sich schnell wandelnden Modestadt Rotterdam nutzte, um im ländlichen Hessen eine Tradition festzuhalten, die im Verschwinden begriffen war.

Das Werk von Leny Schellenberg de Kreij ist ein Zeugnis dafür, wie universell eine fundierte künstlerische Ausbildung ist. Die Strenge der Rotterdamer Akademie der 60er Jahre – mit ihrem Fokus auf Material, Form und menschlichem Maß – findet sich in den liebevollen und detailgetreuen Trachtenbildern wieder. Sie verbindet die niederländische Tradition des genauen Hinsehens mit der Bewahrung des hessischen Kulturerbes.

Ein in der Lanschaft eingebettetes Dorf - Pastell auf Velourpapier

Künstlerischer Fokus

 

Leny Schellenberg-de Kreij  ist eine Künstlerin, die ihre niederländische Ausbildung (den genauen, realistischen Blick) erfolgreich genutzt hat, um deutsche Regionalgeschichte visuell zu bewahren.

1. Künstlerischer Fokus: Die Chronistin des Marburger Landes und der Schwalm

Ihr Hauptwerk, für das sie in der Region bekannt ist, konzentriert sich stark auf das Lokalkolorit rund um Marburg, Wetter, die Schwalm und den Burgwald.

  • Trachten und Menschen: Sie ist besonders für ihre Darstellungen der evangelischen und katholischen Trachten des Marburger Landes bekannt. Diese Bilder gelten oft weniger als „nostalgische Verklärung“, sondern als fast dokumentarische Studien – was sehr gut zu ihrer Ausbildung in Rotterdam passt, wo (unter Dozenten wie Willeboordse) der genaue Blick auf Textil und Konstruktion gelehrt wurde.
  • Landschaften: Neben Trachten malt sie häufig die Landschaften der Region, oft mit einem Fokus auf das Zusammenspiel von Mensch und Natur.

2. Bekannte Ausstellungen

Sie ist im kulturellen Leben der Region präsent und wurde in den letzten Jahren in mehreren Ausstellungen gewürdigt:

  • 2018 in Wetter (Hessen): Eine größere Ausstellung mit dem Titel „Menschen und Landschaften im Marburger Land“ fand in der Ehemaligen Synagoge Wetter statt. 
  • 2021 in Weidenhausen: Im Heimatmuseum Weidenhausen gab es die Ausstellung „Leny Schellenberg-de Kreij trifft Karl Lenz“. Die Gegenüberstellung mit Karl Lenz (einem bekannten hessischen Maler, der ebenfalls das ländliche Leben festhielt) unterstreicht ihren Stellenwert als Bewahrerin dieser Bildtradition.

3. Publikationen

Sie hat ihr künstlerisches Werk auch publizistisch festgehalten. Besonders erwähnenswert ist das Buch:

  • „Vom Rabenfrauchen und andere Geschichten“ (2004): Erschienen im Wenzel Verlag.
    • Dies ist ein illustriertes Buch, das Erzählungen und Brauchtum verbindet.
    • Der Titel und die Themen deuten darauf hin, dass sie sich nicht nur malerisch, sondern auch erzählerisch tief mit den Sagen und Mythender Region auseinandergesetzt hat.
    • Es zeigt ihre Doppelbegabung: Das Illustrative (typisch für die grafische Ausbildung in Rotterdam) trifft hier auf lokale Folklore.
  • „Von Menschen und Landschaften im Marburger Land“ (2018): Erschienen im Eigenverlag (siehe Shop)                  

Man könnte Leny Schellenberg-de Kreij als eine „künstlerische Ethnologin“bezeichnen. Ihre Biografie ist ein spannendes Beispiel für kulturellen Transfer: Sie bringt das niederländische Auge – geschult in der Tradition des Realismus und der genauen Sachzeichnung der 60er Jahre (Rotterdamse Academie) – nach Hessen und nutzt es, um die dortige, verschwindende bäuerliche Kultur (Trachten) festzuhalten, bevor sie ganz aus dem Alltag verschwindet.

 

 

Schwälmer Tracht - Aquarell

Die Kunst von Leny Schellenberg de Kreij 
im Kontext zu 
Otto Ubbelohde und Carl Bantzer

Wenn man Leny Schellenberg de Kreij neben Otto Ubbelohdeund Carl Bantzer stellt, betrachtet man drei Generationen von Künstlern, die das visuelle Gedächtnis Hessens – und insbesondere des Marburger Landes sowie der Schwalm – geprägt haben.

Man kann Leny Schellenberg de Kreij als die moderne Fortsetzerin einer großen Tradition sehen, wobei sie einen ganz eigenen, niederländisch geprägten Blick einbringt.

1. Carl Bantzer (1857–1941): Der soziale Realist

Carl Bantzer war der Motor der Willingshäuser Malerkolonie. Sein Fokus lag auf der Schwalm.

  • Der Ansatz: Bantzer wollte das „Wesen“ des hessischen Bauernstandes erfassen. Seine Bilder (wie „Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche“) sind monumental und emotional. Für ihn war die Tracht Ausdruck einer tiefen, fast religiösen Verbundenheit mit der Scholle.
  • Verbindung zu Leny: Während Bantzer die Tracht als Teil einer sozialen Gemeinschaft sah, betrachtet Leny Schellenberg de Kreij sie (geschult durch die Rotterdamer Modeklasse) stärker als physisches Objekt und kulturelles Artefakt. Sie führt Bantzers Erbe der „Menschenbeobachtung“ fort, aber mit der Distanz und Präzision einer Dokumentarin des späten 20. Jahrhunderts.

2. Otto Ubbelohde (1867–1922): Der romantische Symbolist

Ubbelohde lebte und arbeitete in Goßfelden bei Marburg – also in der direkten Nachbarschaft von Lenys Wirkungsstätte Wetter.

  • Der Ansatz: Er ist weltberühmt für seine Illustrationen der Grimm’schen Märchen. Ubbelohde stilisierte die hessische Landschaft und die Trachten. Bei ihm wurde die Marburger Tracht Teil einer märchenhaften, zeitlosen Welt. Die Tracht war bei ihm Dekoration und Symbol für das „alte Hessen“.
  • Verbindung zu Leny: Hier schließt sich der geografische Kreis. Leny Schellenberg de Kreij malt oft dieselben Hügel und Dörfer wie Ubbelohde. Doch während Ubbelohde die Landschaft „verzauberte“, bringt Leny sie (durch ihre Ausbildung in den sachlichen 60er Jahren) in die Realitätzurück. Sie malt die Tracht nicht als Märchenkostüm, sondern als reale Kleidung echter Frauen, die sie noch selbst getroffen hat.

3. Leny Schellenberg de Kreij (1940-2025): Die analytische Bewahrerin

Setzt man sie in diesen Kontext, wird ihre besondere Rolle deutlich:

  • Der „Niederländische Blick“: Im Gegensatz zu den deutschen Impressionisten und Romantikern bringt sie die niederländische Tradition der Sachlichkeit mit. Ihre Ausbildung in Rotterdam unter Lehrern wie Margo Willeboordse gab ihr ein Verständnis für Textur, Schnitt und Materialität, das Ubbelohde und Bantzer so nicht hatten.
  • Die Chronistin des Verschwindens: Bantzer und Ubbelohde malten eine Tracht, die noch lebendig und allgegenwärtig war. Leny Schellenberg de Kreij begann ihr Hauptwerk in den späten 70ern, als die Tracht bereits im Aussterben begriffen war. Sie ist somit die „Retterin der Details“. Wo Ubbelohde eine Stimmung malte, malt Leny eine Dokumentation, die heute für Museen (wie den Hessenpark oder das Museum der Schwalm) so wertvoll ist.

Leny Schellenberg de Kreij ist das fehlende Bindeglied in der hessischen Kunstgeschichte. Sie hat das Erbe der „großen alten Männer“ Ubbelohde und Bantzer in die Moderne gerettet. Ohne ihre fast archivarische Genauigkeit, die sie in der strengen Rotterdamer Schule gelernt hat, wäre viel Wissen über die Marburger Tracht heute visuell verloren.

 

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